…ich muss Euch enttäuschen, das gab es leider nicht, aber ich war kurz davor, eines zu begehen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag und einem arg verspäteten Zug hechtete ich auf die mir eigene elegante Art (*hüstel*) über die wie immer von zahlreichen Rentnern bevölkerte Hauptstraße meines Wohnortes. Die alten Herrschaften, die bekanntlicherweise bei gutem Wetter und zur Feierabendzeit im Supermarkt zu sprießen beginnen, warfen sich mir, bewaffnet mit Gehstöck und Rollatoren förmlich in den Weg, doch ich ließ mich von meinem Ziel nicht abbringen: ich wollte Blumen für meinen geliebten Schatz.
Also betrat ich den einzigen Blumenladen der Stadt und mein erster Gedanke ‘Oh, gut, nur eine Kundin vor mir!’ wandelte sich in schlagartiges Entsetzen, als ich der dezent lila gefärbten Volumenwelle gewahr wurde, die sich im regen Austausch mit dem Verkäufer befand. Während ich durch die Gänge schlich und die zahlreichen Blüten bewunderte, die mich NICHT zum Niesen brachten (ich habe Heuschnupfen und liebe jede Blume, die meine Bronchien nicht tätlich angreift!), lauschte ich der dramatischen Geschichte der Volumenwelle. Lilien für die Beerdigung sollten es sein, mit schönem, großzügigen Grün dazu, aber höchstens zu einem Drittel schon offen, da die Beerdigung erst am nächsten Tag sei.
Ich stellte mich wieder hinter sie. Fünf Minuten waren vergangen. Meine Bronchien gingen bereits in die Knie. Die Beerdigung war immer noch morgen. Die Kundin nicht fertig. Ich hustete und erntete einen bitterböse Blick. Ja, gut, ich gebe es zu, vielleicht war es wirklich ein ‘Beeil Dich, der Tote sieht die Blumen eh nicht!’-Husten.
Das Fachsimpeln ging weiter. Ob man über Nacht warmes oder kaltes Wasser geben sollte? Oder ein warmes oder kaltes Zimmer? Oder einen Cent ins Wasser oder doch besser Zucker für den besseren Stand in der Kristallvase? Oh, ja, die Kristallvase. Sie wurde ausführlich gelobt. Ich stellte mir unterdessen Graberde vor, die auf die ach so schönen und liebevoll über Nacht bemutterten Lilien klatscht.
Ich hustete wieder. Zehn Minuten waren gegangen. Diesmal war es der Ausdruck dafür, daß meine Bronchien die Tasche gepackt hatten und bereit waren, Michael Jackson unter dem Sauerstoffzelt zu besuchen. Ein weiterer böser Blick. Und ein deutlich entschuldigender Augenkontakt mit dem jugendlich-dynamischen Verkäufer.
Ich lernte bis zur fünfzehnten Minute die Preise von Lissianthus, Rosen ‘Baccarat’, Phlox, Geranien im Topf, Begonien ohne Übertopf, Begonien mit Übertopf und Gerbera auswendig. Als ich damit fertig war, verließen meine Bronchien per Anhalter den Laden und ich beschloß, es ihnen gleich zu tun. Ich ging zur Tür, voller Schuldbewußtsein, denn ich wollte meinem Schatz ja Blumen kaufen. Und da hörte ich es hinter mir: “Die Jugend heutzutage hat keine Geduld mehr.”
Morgen gehe ich meinem Schatz die Blumen kaufen. Aber nur, wenn übermorgen keine Beerdigung ist.