Es gibt Dinge, die man sich schwört, wenn man in seiner Adoleszenzphase gegen Alles und Jeden rebelliert. Man schwört sich, niemals ein Unterhemd anzuziehen, denn Unterhemden sind das Symbol der mütterlichen Unterdrückung der ureigenen jugendlichen Erotik. Man schwört sich, niemals die Musik leise zu machen, wenn man sie auch laut hören kann. Man schwört sich, niemals die Freunde zu vergessen, mit denen man hinter der Schule in der Raucherecke heimlich die ersten Kippen geraucht hat.
Und dann kommt die erste Nierenbeckenentzündung, das erste Pfeifen in den Ohren nach einem Metal-Konzert und der Umzug in die nächstgrößere Stadt, der alle Bande unweigerlich kappt.
So ist das halt. Ideale verwaschen sich hin und wieder, man wird erfahrener und vernünftiger – oder einfach nur älter, langweiliger und empfindlicher. Das kommt ganz auf den Standpunkt an, von dem aus man die Sache betrachen möchte.
Bei mir sind es Schuhe, denen ich den jugendlich-idealistischen Kampf angesagt hatte. Ich besaß früher Tanzschuhe, schluffige Schuhe für die Schule, Sportschuhe, Hausschuhe (gehasst habe ich sie, die Dinger – aber die mütterliche Unterdrückung, Ihr wisst schon… ) und die schicken Schuhe, wenn’s darum ging, zur Oma ins Bergische Land zu fahren und einen Zehner abzusahnen. Das war es und jede Fersehserie, die ich damals sah und in der ein Konstrukt namens Schuhschrank vorkam, betrachtete ich grundsätzlich mit einem Naserümpfen.
Heute bin ich in meiner neuen Wohnung endgültig angekommen. Klamotten in den Schrank, Bilder an die Wände, Fernseher angeschlossen, Computer läuft – Schuhe eingeräumt. Pumps. Lackschuhe. Halbschuhe. Sabots. Highheels (oder Highhells, wenn es nach meinen Füßen geht). Ballerinas. Riemchensandalen. Sandaletten. Espandrillos. Stilettos. Stiefel. Stiefeletten. Hausschuhe (Schande, Schande…). Badeschlappen. Flip-Flops. Arbeitssicherheitsschuhe. Trekkingschuhe. Sneaker.
Ich stelle also fest, dass ich meine frühreifen Ideale des Minimalismus und der Mäßigung weiblicher Regungen verraten habe. Wenn ich das nächste Mal in einem Schuhladen stehe, werde ich mich schämen. Und mich dann mit dem tollen Paar roter Stiefel trösten, die ich neulich gesehen habe.